Ausgabe vom 27. Oktober 2005

 

Ein Kunstprojekt von Adela Picón

SchweizerIn werden - nach allen Regeln der Kunst

Von Adela Picón und Mauro Abbühl

Am 28. Oktober werden im Zentrum für Kulturproduktion Progr in Bern die Resultate einer radikal-demokratischen Einbürgerungskampagne vorgestellt.

Mit einer politischen Debatte unter dem Titel «Willkommen im Apartheidiland», begann am 26. Mai dieses Jahres im Kulturzentrum Progr in Bern in einem Sägemehlring eine in der Schweiz bisher einmalige Einbürgerungskampagne. Unabhängig von Nationalität, Name oder Aussehen sollten sich während fünf Monaten alle interessierten Menschen nach allen Regeln der Kunst um einen neuen Schweizer Pass bewerben können. Gleichzeitig wurde die Bevölkerung dazu aufgerufen, darüber abzustimmen, welche der KandidatInnen einen Pass erhalten sollten und welche nicht. Dabei konnte auch Schweizer BürgerInnen der ihre entzogen werden.

Um für dieses wertvolle Dokument zu kandidieren, war ein Fragebogen mit 45 Fragen zu persönlichen Vorlieben und Gewohnheiten wie «Haben Sie Kinder?», «Kaufen Sie M-Budget-Artikel?», «Fahren Sie viel Velo?», «Fühlen Sie sich oft krank?», «Schauen Sie oft fern?», «Sind Sie meist fröhlich?» auszufüllen. Nicht erhoben wurden angeborene Merkmale wie Geschlecht oder Herkunft, und die Passanträge konnten anonym eingereicht werden. Eine wichtige Bedingung war jedoch zu erfüllen: Damit am Schluss die Abstimmungsresultate publiziert werden können, musste mit der Bewerbung eine Passfotografie eingereicht werden. Im Abstimmungsprozedere wurden die KandidatInnen aber einzig mit einem Persönlichkeitsprofil präsentiert, welches die Antworten aus dem Fragebogen in Form von Piktogrammen zeigte. Damit hatten alle BewerberInnen dieselben Startvoraussetzungen.

Für die Kandidaturen und die Stimmabgabe standen während der ganzen Kampagne die interaktive Homepage http://www.passauf.ch/ und eine elektronische Wahlkabine im Kulturzentrum Progr zur Verfügung. Am 11. August wurde eine zweite elektronische Kabine im Rahmen der Ausstellung «Baustelle Schweiz: Migration und Transkultur» (siehe WOZ Nr. 33/05) im Toni-Areal in Zürich in Betrieb genommen. Zudem konnten in mehreren mobilen Passbüros Anträge ausgefüllt werden: am 26. Juni während des jährlichen Fussballturniers im Gemeinschaftszentrum Grünau, im September erneut in Zürich im Zentrum Karl der Grosse und danach auch im Forum am Schlossplatz in Aarau im Begleitprogramm der Ausstellung «Global Kids». 1159 Menschen haben sich bis zum Anmeldeschluss am 20. Oktober als KandidatInnen eingetragen, 718 der Anträge waren vollständig und konnten für die Abstimmung publiziert werden.

Die Einbürgerungskampagne ging im Grossen und Ganzen ohne schwerwiegende Zwischenfälle über die Bühne. Während der Sommerferien war eine Hackerattacke auf die Homepage zu verzeichnen, in deren Folge rund 600 manipulierte Stimmen annulliert wurden und die Sicherheitsvorkehrungen für die Onlinestimmabgabe verbessert werden mussten. Die Passkabine im Progr in Bern erlebte zwei Angriffe: Im Juli gelang es jemandem, eine Festplatte des eingebauten Computers zu sabotieren, im September wurde von Unbekannten die Schutzscheibe der Kabine eingeschlagen. Beide Schäden waren rasch behoben.

In Bezug auf die Medienunterstützung der Einbürgerungskampagne sind vor allem zwei Ereignisse bemerkenswert: Anfang Juni publizierte die «Süddeutsche Zeitung» auf ihrem Weblog http://www.jetzt.de/ einen Bericht unter dem Titel «Gute Idee: Schweizer werden», was innerhalb weniger Tage über zweihundert Besuche der Pass-auf!-Webseite und zahlreiche Bewerbungen aus Deutschland zur Folge hatte. Ein kurzer Bericht auf Radio DRS am 9. August löste gegen 500 Besuche mit einer beträchtlichen Zahl von Bewerbungen und Stimmabgaben aus.

Der Zwischenstand der Abstimmungsresultate kurz vor Schluss der Kampagne am 27. Oktober weist darauf hin, dass die Stimmenden in diesem radikal demokratischen Einbürgerungsverfahren sehr streng sind: Die Ablehnungsquote könnte auf über vierzig Prozent zu stehen kommen, Merkmale wie «Ich habe Militärdienst geleistet» oder «Ich wasche regelmässig mein Auto» scheinen die Chancen auf einen Schweizer Pass merklich zu mindern.

Die definitiven Abstimmungsresultate werden diesen Freitag (28. Oktober ab 18 Uhr) vorliegen und in einem Livewahlstudio in der Turnhalle des Progr in Bern präsentiert. Im Anschluss daran werden die Resultate auf www.passauf.ch publiziert, zusammen mit einer Bild- und Textdokumentation der gesamten Kampagne. Hochrechnungen vor Urnenschluss weisen darauf hin, dass mit über 2000 registrierten WählerInnen und insgesamt mit gegen 40 000 Ja-, Nein- oder Null-Stimmen gerechnet werden kann.



WOZ vom 27.10.2005